Gärtner und Schreiberling

Meine Gartenphilosophie

Ob das Wort Philosophie hier stimmt? Vielleicht schon, denn ich stelle mich in Bezug zu anderen in Frage. Ich versuche zu ergründen, was Garten für mich ist, was er für mich ausmacht und wie ich mit meinem Garten umgehen möchte. Jeder sieht das anders und das ist gut so. Nur so gibt es Reibung, neue Ideen und überhaupt erst einmal Kommunikation.

Unser Garten im Sommer.

Kurz ausgedrückt könnte meine Gartenphilosophie folgendermaßen lauten:

Ich liebe Gartenarbeit und ein Garten ohne Arbeit gibt es nicht, dennoch versuche ich die Arbeit zu reduzieren und möglichst angenehm zu gestalten. Dazu gehört, dass ich biologisch gärtnere und die Natur die meiste Arbeit machen lasse. Ich liebe es meinen Garten zu gestalten und sehe dies als eine Form von Kunst, in der ich mich immer weiter entwickeln möchte. Orientierung bietet mir dabei die britische Arts-&-Crafts-Bewegung, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte. Sie prägt das Gärtnern in Großbritannien bis heute. Und beides prägt mich und meinen Garten. Insbesondere aber auch in der Interaktion mit anderen Menschen.

Gartenarbeit:

Ich liebe Gartenarbeit! Aber sie macht mir, zumindest wenn sie zu viel wird, unheimlich Stress. Also lautet meine Devise: Die Gartenarbeit möglichst gering halten! Ich gehöre allerdings nicht zur Fraktion „faules“ Gärtnern. Ich glaube nicht, dass es so etwas wie faules Gärtnern gibt. Ein Garten kann nur mit einem Mindestmaß an Pflege überdauern. Hecken müssen in Form gehalten, Verblühtes muss abgeschnitten, Obstgehölze gepflegt, Rasen gemäht, Stauden geteilt und Töpfe gegossen werden, um nur weniges zu nennen. Es gibt immer etwas zu tun. Und das liebe ich! Trotzdem beuge ich an der einen oder anderen Stelle gegen zu viel Arbeit vor:

  • Ich pflanze dicht, dann kann Unkraut kaum bis gar nicht mehr wachsen.
  • Ich halte die Zahl der Formgehölze und Hecken in einer angemessenen Zahl.
  • Ich habe meinen Gemüsegarten auf das Wichtigste reduziert. 
  • Mein Ziergarten überwiegt.
  • Ich lasse für mich die Natur, z.B. durch Nützlinge, arbeiten.
  • Ich setze hauptsächlich auf Stauden.
  • Ich verteile die Arbeit in angenehme Portionen.
Irgend etwas gibt es immer zu tun.

Biologisch:

Ich versuche so gut es geht, biologisch zu gärtnern. Mir ist es wichtig, dass mein Garten der Natur etwas zurückgeben kann, wenn er schon der Natur abgerungen wurde. Deshalb habe ich im Garten viele blühende Pflanzen. Es ist kaum zu glauben, wieviel unterschiedliche Insekten hierdurch angezogen werden. Seit neuem integriere ich auch Pflanzen, die heimisch sind. Hier experimentiere ich im Kräuter- und Gemüsegarten, z.B. mit Spitzwegerich, Brennnessel, Guter Heinrich und einigen mehr. Ich hoffe, dass ich so den Faltern in Zukunft Futterpflanzen bieten kann. Für Vögel lasse ich gerne die Samenstände meiner Stauden stehen. Auch hier experimentiere ich noch und versuche eine gute Mischung zwischen Ordnung und Nutzen für Tiere zu finden. Ich nutze keine chemischen Mittel im Garten. Wenn es Hilfsmittel braucht, z.B. zur Krankheitsbekämpfung, zur Pflanzenstärkung oder zum Düngen, dann nur biologisch. Zudem landet bei mir alles, was ich aus dem Garten entnehme, auf dem Kompost. Dieser wird als Dünger und Mulch eingesetzt und gibt in der Regel alles wieder zurück, was meine Pflanzen brauchen. So entsteht ein natürlicher Kreislauf.

Kunst im Garten.

Kunst:

Aus meiner Sicht hat die Arbeit mit Garten auch ganz viel mit Kunst zu tun. Das Anlegen und kreieren von Beeten setzt ein Gespür für Farbe, Form und Struktur voraus. Man merkt sehr deutlich, wenn ein Gärtner dies im Blick behält. Solche Gärten sind harmonisch und lassen die Besucher sofort in ein Wohlgefühl verfallen. Es ist mit der Malerei zu vergleichen. Dauert jedoch länger, bis die gewünschte Komposition in Erscheinung tritt. Besonders deutlich wird dies bei dem Maler Monet, der seinen Garten in Giverny gestaltete und malte. Schaut man seine Bilder an, fällt einem sofort auf, worauf er auch in seinem Garten achtete. Dabei ist es egal, um welche Art von Garten es sich handelt. Ein Naturgarten kann genauso gut gestaltet sein, wie ein Formaler Garten, ein Gemüsegarten oder ein moderner Garten. Ein Garten hebt sich von der Natur ab, weil er von Menschenhand geschaffen wurde. Egal mit welcher Absicht. Damit ist er gestaltet. 

Das aus Großbritannien inspirierte Double Border.

Arts & Crafts:

Unser Garten orientiert sich an Gärten der Jahrhundertwende zum zwanzigsten Jahrhundert in Großbritannien. Als die Industrialisierung die Umweltbedingungen massiv verschlechterte und die Arbeitsteilung in das Alltagsleben der Arbeiter einzog, generierte sich eine Gegenbewegung, die zwei Ziele verfolgte: eine soziale Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen und eine Rückbesinnung zur Natur und alten Werten, d.h. der Schutz der Natur gegen die Verschmutzung der Industrie. Dies sollte mit Hilfe der Kunst und des Handwerks geschehen und förderte eine Designbewegung zutage. Ganzheitlichkeit war damals das Zauberwort. Gärten wurden zu dieser Zeit aus ihrem engen Korsett der formalen Struktur befreit und durften weitaus „wilder“ werden. Die Stauden begannen ihren Siegeszug in den Gärten. Und man begann selbst künstlerisch und handwerklich den Garten zu formen. Es wurde schick, sich die Hände schmutzig zu machen und alles selbst zu kreieren. Auch heute spielt dieser ganzheitliche Gedanke wieder eine Bedeutung in unseren Gärten. Wir wollen unsere Umwelt unterstützen, Gärten für die Natur attraktiv machen, biologisch gärtnern und selbst gestalten. Das lässt sich heute in der „Do-it-yourself-Bewegung“, in der zunehmenden Begeisterung für Gärten und im Kampf gegen die Zerstörung unser Umwelt wieder finden, was sich in der „Friday-for-future-Bewegung“ zeigt. Somit ist der „Arts-&-Crafts-Gedanke“ aktueller denn je und heute Teil unseres Gartenlebens.

Unser viktorianisches Gewächshaus.

Großbritannien:

Für mich ist Großbritannien das Land der Gärten und Gärtner. Man merkt sofort, mit wieviel Liebe die Gärten gehegt und gepflegt werden. Jedes noch so kleine Stück Grün, jede Ecke und jedes halbwegs brauchbare Töpfchen werden genutzt, um sich einen Garten zu schaffen. Gartendesigner werden wie Stars behandelt und sind in allen Medien präsent. Gartenevents gibt es Massenhaft und sogar solche, die weit über alle Landesgrenzen hinaus berühmt sind, wie die „Chelsea-Flower-Show“. Sogar der Kronprinz Charles ist berühmt für seine Gartenleidenschaft und seinen selbst kreierten Garten „Highgrove“, den er für Besucher öffnet.

Kein Wunder, dass man sich hier die besten Gartentipps abschauen kann. So ist meine enge Bepflanzung aus England abgeschaut. Auch der „Chelsea-Cut“ ist von den Briten geklaut. So ist vieles, wie ich gärtnere von Großbritannien inspiriert. Es vergeht kaum eine Woche, in der ich mich nicht mit britischen Gärten, den Gärtnern oder dem Gärtnern auseinandersetze.

Platz für soziale Begegnungen.

Soziales Miteinander:

Garten ist für mich einerseits schön, da ich auch mal gerne für mich allein bin und das sehr gut im Garten möglich ist. Andererseits ist der Garten der soziale Mittelpunkt. Von Garteninteressierten, über Freunde und Familie, Nachbarn, bis hin zu den Postboten, wird dieser Gartenraum von vielen Menschen betreten. Er ist privat und doch öffentlich. Es wird geredet, diskutiert, miteinander gelacht oder auch mal geschimpft. Es entstehen neue Bekanntschaften, andere Vergehen, aber es bleibt stets ein Ort der Gemeinsamkeit. Garten verbindet. Für mich ist der Garten ein Sozialraum, der gepflegt werden will, wie jedes einzelne Pflänzchen. Und das passiert hier auch – vor allem in Verbindung mit gutem Essen und Trinken. 

Ich hoffe, Du hast mir folgen können, was Garten für mich bedeutet – meine Philosophie. Wenn Du noch Fragen hast, dann stelle sie mir in den Kommentaren.

Liebe Grüße,

Dein Sven.

One Comment

  • Thomas Oberländer

    Vielen Dank für Deine philosophischen Gedanken. Es war übrigens ein Ire, Declan Kennedy, der die Permakultur nach Deutschland brachte. Ich habe das Glück ihn ab und zu tu treffen.

    Für mich ist der Garten ein Leuchtturm: Da gibt es immer die zwei Gärten. Den, den ich vor mir sehe und den, den ich mir vorstelle. Und beide unterhalten sich in meinem Kopf und nur so entwickelt er sich. Ich war, lange ohne es zu wissen, ein Waldgarten-Fan, inzwischen bin ich das bewusst.

    Ja, das Gemüse wird weniger wichtig. Es macht nichts, dass Schnecken sich über Salat hermachen, wenn man weiß, wie lecker Glockenblumen sind. https://wasser-ernten.de/glockenblumen-nicht-nur-schoen-sondern-auch-lecker/

    Ich wünsch Dir eine schöne Adventszeit und ein gutes Gartenjahr 2022!

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