Hesse Eingang
Künstlergärten,  Über Stock und Stein

Jedem Anfang…

…wohnt ein Zauber inne, so Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“. Diesem Haus und Garten von Mia und Hermann Hesse, bescherte eine beherzte Familie einen weiteren Anfang – und man muss schon sagen: auch einen zweiten Zauber.

Blick aus Richtung Bodensee auf Haus und Garten

Ein Anfang ohne Zauber

Der Anfang des Gartenbesuchs war etwas holprig. Als wir freudig auf den Einlass in den Garten warteten, wurden wir beinahe von einer Horde wilder Rentnerinnen überrannt. Man hörte nur ein „Ah“ und „Oh“, wurde mit dem Satz „Die jungen Herren senken unseren Altersdurchschnitt aber rapide“ kurz bedacht und dann rempelten sie eifrig an uns vorbei in den Garten. Alles ging so schnell, dass wir nicht wussten, wie uns geschah. Die Beschwerde einer weiteren Besucherin wurde lediglich mit einem müden Lächeln zur Kenntnis genommen.

Herr Hesse wäre vermutlich verärgert gewesen, denn unangesagten Besuch – oder generell Besuch – mochte er überhaupt nicht. Und sicherlich auch keine renitenten Rentnerinnen, die einfach so in „seinen“ Rückzugsort, seinen Garten vordringen. Diesen Geist spürt man auch im ganzen Garten. Er ist von hohen Hecken umgeben und bietet viele uneinsehbare Plätze und Eckchen. Überall gibt es Kurven und Windungen und nichts ist gleich ersichtlich, sondern eher versteckt und intim.

Die Vergangenheit hat den Garten geprägt und geformt

Beim durchschreiten der Gartenpforte fühlt man sich sofort in eine andere Zeit zurück versetzt. Hier findet man keinen modernen Garten und kein modernes Haus. Alles wurde möglichst in seinen Ursprungszustand zurück versetzt. Natürlich gibt es nur wenig Informationen über den ehemaligen Garten Hesses. Vieles musste aus Briefen oder wenigen Bildern rekonstruiert werden.

Hesse Tür
Verwunschener Eingang.

Es ist fast nicht zu fassen, dass das Haus von seinen Rettern bewohnt wird. In einem durch und durch rekonstruierten Haus, dass der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde! Also kein Museum, sondern ein Privathaus und -garten. Deshalb konnten wir – zum Schutz der Bewohner – in der von Corona geprägten Zeit, nur den Garten besichtigen.

Immer wieder bieten sich Sichtachsen auf den Bodensee

Kaum zu glauben, dass das Haus einmal weit weg vom Dorf, exponiert auf einem Hügel stand. Heute ist es von anderen Häusern umschlossen. Der Garten bietet jedoch noch immer Ausblicke auf den wunderschönen Bodensee, der damit die passende Hintergrundkulisse liefert.

Der Gemüsegarten ist von einem Zaun umschlossen

Der südliche Gartenbereich ist voll von interessanten Pflanzen und Sitzmöglichkeiten.

Dieser Gartenteil wirkt sehr wild. Stauden und Gemüse scheinen ineinander zu wachsen. Beim genaueren Hinsehen bemerkt man jedoch, dass das Spalierobst und kleine Hecken den Garten in verschiedene Räume gliedern. Auch ein Gemüsegärtchen wird von einem Staketenzaun gesäumt.

Unser Besuch war im Spätsommer 2020 und man merkte schon deutlich, dass der Herbst naht. Die Pflanzen gaben mit letzter Kraft noch einmal alles. Viele bekannte Bauerngartenpflanzen eiferten um die Wette. Überall blühten Phlox, Dahlien und Rosen. Die Obstbäume hingen voll mit Früchten.

Alles ist mit viel Liebe dekoriert und arrangiert. Nicht so, wie es in großen Schaugärten üblich wäre, sondern mit dem Feingefühl einer Hausherrin, die ihren Garten genau kennt. So fühlt man sich wie in einem Zuhause. Vielleicht das gleiche Gefühl, dass Hesse hier empfand.

Eine Büste von Hermann Hesse

Vergangenheit und Gegenwart gehen hier Hand in Hand.

Ein Garten ist nie fertig und er verändert sich immer wieder. Besonders eindrucksvoll fiel mir das im nördlichen Gartenbereich auf. Ein langer Kiesweg führt dort schnurgerade vom Kastanienplatz zu einem Holzschuppen. Hier säumten einst Sonnenblumen den Weg. Heute würde dort keine Sonnenblume mehr wachsen. Die umliegenden Bäume haben mittlerweile alles beschattet. Ein Schattengarten ist entstanden.

Wer möchte nicht bei diesem Blick in der Weinlaube Platz nehmen?

Das ist es, was diesen Garten ausmacht: Er verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart. Die Zeit hinterlässt unwiederbringlich ihre Spuren. Und das ist auch gut so. Es ist nicht mehr nur Hesses Garten, sondern auch ein Garten der folgenden und zukünftigen Bewohner. Alle werden und müssen ihre Spuren hinterlassen.

Es ist schön, zu sehen, dass ein Garten weiter lebt. Ja mehr noch: Immer wieder den Zauber des Neuen erfahren darf. So gibt es zum Erhalt des Alten auch ein kleines Lädchen, in dem man selbst Gemachtes aus dem Garten erstehen kann. Und es gibt einen neu gestalteten Gartenbereich mit einer Orangerie, der den Lebensstil und den Geschmack der neuen Bewohner repräsentiert.

Pflanzen aus dem Garten gegen eine Spende

Abschied mit Hindernissen.

Nachdenklich, aber auch frohen Mutes, haben wir den Garten wieder verlassen. Mit einem guten Gefühl des Erhalts und des Neuanfangs. Ich möchte den Garten noch einmal im Frühjahr oder Frühsommer besichtigen. Noch einmal die Verbindung in die Vergangenheit spüren und den Zauber des Neuen erleben.

Langsam geht es Richtung Ausgang

Die Rentnerinnen waren so schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. Fast hätte ich die Verbindung zu einem Heuschreckenschwarm gezogen. Jedoch nur fast! Bis…, bis wir sie im nächsten Café wieder getroffen haben…

Liebe Grüße aus dem Mia und Hermann Hesse-Garten wünscht Dir,

Sven

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Weitere Infos zum Garten unter (Werbung ohne Gegenwert!):

https://www.mia-und-hermann-hesse-haus.de

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