Öffentliches Grün,  Über Stock und Stein

Mit Herz und Verstand – der Schaugarten der Staudengärtnerei Gaißmayer

Stauden über Stauden – soweit das Auge reicht! Das ist es, was diesen Garten an der Grenze von Bayern und Baden-Württemberg zu etwas Besonderem macht. Es ist der Schau- und Mutterpflanzengarten der Staudengärtnerei Gaißmayer, welcher eine Fläche von über einem Hektar umfasst. Hier spürt man die Liebe zu Stauden und zur Natur. Wo immer es möglich ist, wird biologisch und nachhaltig gegärtnert und die Biodiversität gesteigert. So zeigen auch Wildstauden, dass sie perfekte Kandidaten für üppige Blumenbeete sind. Herz und Verstand greifen an diesem Ort ineinander und verführen zu einer kleinen Auszeit im Staudenparadies.

Große Beete im Präriegarten-Stil prägen den Sonnenbereich.

Natürlich findet man bei dieser Größenordnung von Garten viele unterschiedliche Schaubereiche. Es gibt Orte für Sonnenanbeter oder Schattenliebhaber, Orte in denen größere oder kleinere Beete vorgestellt und Bereiche in denen eine Staudenart mit ihren verschiedenen Sorten verglichen werden kann. Alles geht ineinander über. Denn der Garten dient zum Einen als Heimat für die wichtigen Mutterpflanzen, aus denen die Stauden für den Verkauf gewonnen werden, zum Anderen als inspirativer Ort, der Kombinations- und Gestaltungsideen für den eigenen Garten vermittelt. Dort kann man erleben, wie sich die Pflanzen entwickeln und geschickt miteinander kombinieren lassen. „Et voila“ hat man alles was zum gestalten der eigenen Beete im Garten gehört.

Sonnenstauden so weit das Auge reicht.

Im Bereich der Sonnenanbeter bilden beispielsweise Gräser, Echinacea und Agastachen bezaubernde Blütenteppiche im Präriegartenstil. Kaum zu glauben, dass eine Üppigkeit wie diese, direkt unter der sengenden Sonne wachsen kann. Weht der Wind durch diese Pracht, scheinen sich kräuselnde Wellen durch das Gräsermeer zu bewegen. So entsteht ein Gefühl der inneren Ruhe, wie sie sonst nur beim Beobachten des Meeres entsteht. Der fantasievolle Betrachter erkennt zudem in den Ansammlungen der farbigen Blütentuffs, Spiegelungen von Häusern, Feldern, Wald und Wiesen im Wasser. Damit ist die Imitation perfekt und das Blütenarrangement mehr als gelungen, denn wer kann schon behaupten ein Meer im Garten zu haben, dass das Herz so berührt?

Echinacea und Sedum schmücken den Herbst im Schaugarten.

Harmonisch stehen die Pflanzen Seite an Seite und bedecken nahtlos den Boden, der sonst der Austrocknung der Sonne, bedingungslos ausgeliefert wäre. Kein Fleckchen Braun schimmert durch das Grün. So hat auch lästiges Beikraut keine Chance. Eine hilfreiche Methode, die in britischen Gärten schon lange praktiziert wird. Der Boden kann somit das Wasser besser halten, die Bodenlebewesen werden geschützt und Unkraut jäten gehört der Vergangenheit an. Das die dichte Bepflanzung auch attraktiv wirkt, ist klar zu erkennen. Auch hier gehen Herz und Verstand eine hilfreiche Liaison ein.

Romantik mit Patina.

Flächen von nur einer Pflanze wirken besonders prägnant und lassen die Pflanzengemeinschaft harmonisch miteinander korrespondieren. Dieses Gestaltungsprinzip kann man sich auch für den eigenen Hausgarten abschauen. Reduziert man die Zahl unterschiedlicher Stauden und pflanzt dafür mehr von einer Sorte in Tuffs, wirkt das Beet viel harmonischer, als ein Beet, dass mit vielen verschiedenen Pflanzensorten gestaltet ist. Dieses Prinzip ist immer wieder in den Beeten zu erkennen. Doch es geht noch weiter! Kombiniert man die gezüchteten Prachtstauden mit Wildpflanzen und nutzt dabei möglichst viele ungefüllte Blüten, kann die Insektenwelt immens profitieren. Auch dies sieht man in den Beeten des Schaugartens sehr deutlich. Es summt und brummt an allen Ecken und Enden.

Auch Zwiebelpflanzen werden mit Stauden kombiniert.

Bereiche, die die Größe von Hausgärten simulieren, bieten neben Pflanzideen viel Inspiration für die „Hardware“ eines Gartens. Gartenhäuschen, Zäune und Dekorationen sind ein unglaublich wichtiger Bestandteil in der Gliederung des eigenen Fleckchens Grün. Sie sind Grundstruktur und Rahmen für die Pflanzenwelt. In diesem Schaugarten sind sie meist aus wiederverwerteten Materialien zusammen gestellt. Nachhaltigkeit spielt auch hierbei eine große Rolle und zeugt davon, dass gebrauchte Materialien äußerst schick und dekorativ wirken können. Mehr noch entwickeln sie durch ihre Patina den Charme, mit dem dieser Garten seine Besucher umgarnt. Auch hier zeugt das Endresultat nicht nur von Herz, sondern auch von Verstand.

Immer wieder findet man nachhaltige Gartendekoration.

So werden alte Gießtüllen, gebrauchte Zäune, Treibholz oder verrostete Metallwaren zu Zäunen, Staudenstützen oder zu attraktiven Hinguckern zusammen gestellt. Hier ist nicht nur die Kombination der Stauden ein Kunstwerk, sondern auch die von Gebrauchsspuren zusammen gestellten Strukturformen des Gartens. So ranken Rosen in ein Leiter-Arrangement, ein Tipi entsteht durch ein paar einfache Baumstämme und Rankpflanzen und ein knorriger Holzzaun aus Ästen begleitet ein üppiges Staudenbeet. Pflanzen und „Hardware“ verschmelzen zu einem Gartenerlebnis, dass den Betrachter staunen lässt und von hoher Kreativität zeugt. Hier ist Nachahmen erwünscht und hilft die Kreativität und Nachhaltigkeit in unseren Gärten zu steigern.

Trockene Bereiche im Garten gestalten? Kein Problem!

Diese Bereiche sind somit die perfekte Inspirationsquelle für alle, die typische Hausgärten ihr Eigen nennen. So findet sich ein Wassergarten, der Laufenten beherbergt, ein mediterraner Steingarten, der vom Lavendel bis zum Ölbaum zeigt, wie sich ein Garten den verändernden Klimabedingungen anpassen kann und ein Dachgarten, in dem Stauden in attraktiven Töpfen zu bewundern sind. So sieht auch der Laie, welche Staude für die eigene Gartensituation die passende Pflanze ist. Nur wenn die Pflanze später am richtigen Ort steht, ist sie pflegeleicht. Wählt man die falsche Pflanze für sein Beet, hat das meist ein Mickern oder Wuchern zur Folge. Am Besten lässt man sich auf einer der Bänke oder Sitzgruppen nieder und spürt in Ruhe und mit „Herz und Verstand“ den Pflanzkonzepten nach.

Ein kleines Päuschen auf dem Dachgarten mit Ausblick.
Hier wird der Zaun zur Skulptur.

Eine weitere Bereicherung im Schaugarten ist die Kunst selbst. Im Grunde genommen ist ein Garten per se schon Kunst. Das Zusammenstellen der Pflanzen in Gestalt und Farbe ist aus meiner Sicht ein schöpferischer Prozess und ruft später beim Betrachten der Kombination unterschiedliche Gefühle hervor. Setzt man nun gezielt Kunstwerke in das Pflanzenarrangement, kann diese Wirkung noch weiter gesteigert werden. In diesem Garten begleiten Skulpturen die Staudenpflanzungen. Besonders häufig trifft man sie im Schatten- und Waldgarten. Dort setzt das Spiel von Licht und Schatten die Kunstobjekte und Pflanzen in eine besondere Stimmung.

Kunst im Garten – eine perfekte Ergänzung zum Grün.

Neben den Hauptwegen führen viele kleine Wege zwischen den Stauden durch den Garten. Das ist besonders im Schattengarten spannend, da viele der schattenliebenden Pflanzen kleine und eher unscheinbare Blüten ausbilden, die sich besser aus der Nähe heraus betrachten lassen. So kommt man den Stauden sehr nahe. Riecht deren Düfte, spürt sie beim umherstreifen auf der Haut und entdeckt versteckte Kleinode zwischen dem satten Blattgrün. Hier wird deutlich, dass nicht nur die Blüte, sondern auch Blattfarben und -formen ein wichtiges Gestaltungsprinzip darstellen. Diese frische und luftige Gestaltung ist überall im Schattenbereich zu erkennen. Sie macht unheimlich Freude und lädt zum Umherwandern ein.

Licht und Schatten setzen Akzente im Waldgarten.

Schattenbereiche werden in unseren Gärten immer wichtiger. Bedingt durch den Klimawandel heizen sich unsere „steinreichen“ Städte und Gemeinden immer mehr auf. Der Hitzekollaps droht! Die Lösung sind viele grüne Bereiche, die vor allem mit klimaresistenten Bäumen gestaltet sind. Eine Wiese, Staudenbeete oder durch Bäume beschattete Bereiche heizen sich viel weniger schnell auf, als Stein der pur von der Sonne beschienen wird. Zudem verlieren grüne Bereiche schneller Wärme, als der speichernde Stein. In diesem Gartenbereich merkt man sehr deutlich die wohltuende Frische an einem heißen Sommertag, wie sie nur ein Baumschatten bieten kann. Kein Schirm der Welt kann da mithalten. So zeigt sich auch hier wieder Herz mit Verstand.

Attraktive Dekoration unter Bäumen.
„Tischlein deck dich“ in der Gärtnerversion.

Wer keinen Garten, aber dafür einen Balkon oder eine Terrasse sein eigen nennt, findet ebenfalls Inspiration. In allen Gartenbereichen, und auch hier im Schattengarten, finden sich unzählige Beispiele für Pflanzkombinationen in Töpfen. Jeder Platz wird genutzt, um der Tierwelt und dem dekorativ geschultem Auge etwas bieten zu können. Alles wird „schick“ begrünt und findet so Zugang in das Herz der Gäste. Das Gute ist, dass die meisten dieser Staudentöpfe den Winter im Freien verbringen können und erst gar nicht ins Haus oder ins Gewächshaus geschleppt werden müssen. Das schont den Rücken und den Geldbeutel und zeugt wieder von Verstand im Umgang mit Garten.

Im Rasen darf das Auge ruhen.

Die Tierwelt in der Staudengärtnerei ist dank biologischer und nachhaltiger Pflege sehr umfangreich. Es gibt keine Stelle an der nicht irgendwo ein Tierchen zu finden ist. Vom Schmetterling, Bienen, Hummeln, über Eidechsen und Igel, bis hin zu den kleinen Helferlein – den Laufenten, die die Schneckenpopulation in Schach halten sollen -, gibt es eine reichhaltige Fauna. Viele davon sind Nützlinge, die helfen den Garten fruchtbar zu machen und die Schädlinge in einem biologisch sinnvollen Gleichgewicht zu halten. Denn auch Schädlinge sind wichtig und sinnvoll, um den Garten biologisch bewirtschaften zu können. Und sei es nur darum, den Nützlingen als Futter zu dienen. So schließt sich auch hier wieder der Kreis zum Gärtnern mit Herz und Verstand.

Schmetterlinge und Bienen lieben die Blüten von Lauch und Zwiebel.

Diesen Garten sollte man unbedingt besucht haben, wenn man die schönsten und spannendsten Gärten Süddeutschlands entdecken möchte. Aber nicht nur der Schaugarten ist sehenswert, denn auch die dazugehörige Staudengärtnerei ist ein absolutes Muss für Gartenfans. Hier kann man gut einen Tag verbringen und den Schaugarten der Firma Bergles & Schauer, das Museum der Gartenkultur und das Bienenmuseum im Vöhlin-Schloß mitsamt dem Illertisser Bienenweg, besichtigen. Illertissen ist damit „der Gartenhotspot“ Süddeutschlands, der mit Herz und Verstand, nachhaltig und biologisch in die Zukunft blicken kann.

Ich danke Dir für den gemeinsamen Spaziergang durch einen meiner Lieblingsgärten. Ich hoffe, ich konnte Dir diesen Garten mit Wort und Bild etwas näher bringen. Über Deine Kommentare und spannende Erlebnisse in diesem oder anderen Gärten freue ich mich immer sehr.

Viel Spaß im Garten wünscht Dir,

Dein Sven.


Weiterführende Links (Werbung ohne Gegenwert):

Die Internetseite der Staudengärtnerei Gaißmayer findest Du hier.

Ebenfalls in Illertissen findet sich der Schaugarten der Firma „Bergeles & Schauer“, den ich bereits Porträtiert habe.

Für den Internetauftritt der Gartengestalter „Bergles & Schauer“ darfst Du hier klicken.

Mein Porträt des „Museums der Gartenkultur“ kannst Du Dir ebenfalls anschauen.

Hier findest Du den direkten Zugang zum „Museum der Gartenkultur“.

Das „Bienenmuseum im Völlig-Schloß“ kannst Du hier kennen lernen.

6 Comments

    • Sven

      Hi Lisbeth,

      and if you visit this place, you can visit my garden, too. I live only 30 minutes away. You are always welcome. 🙋🏻‍♂️

      I wish you a great garden time,

      Sven.

    • Sven

      Liebe Andrea,

      ich denke, es wird alles biologischer und nachhaltiger werden. Unsere momentane Wirtschaft- und Weltsituation lässt schon fast nichts anderes mehr zu.
      Und wahre GartenliebhaberInnen sind schon lange mit dabei. Schließlich wollen wir die Welt mit unserem kleinen Stück Grün etwas verbessern. Und es gelingt…

      Sei lieb gegrüßt,

      Sven.

  • Susanna

    Lieber Sven,
    was für wunderwunderschöne Bilder aus Illertissen! Vielen Dank für diesen tollen Spaziergang durch den Schaugarten. Du hast ihn unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit hier ganz anders betrachtet, als ich ihn bei meinen Besuchen wahrgenommen habe. Ich habe einfach die Vielfalt und die herrlichen Kombinationen bestaunt, da konnte ich mich nicht satt sehen. Vielen Dank für diesen Bericht!
    Du hast es gut, du wohnst ja praktisch um die Ecke und kannst öfter mal durch diesen Garten schlendern …
    Liebe Grüße
    Susanna

    • Sven

      Liebe Susanna,

      vielen Dank für Deinen lieben Kommentar. In der Tat bin ich so oft dort, dass mir die Aspekte über den schönen Garten hinaus, ins Blickfeld springen. Das wäre mir die ersten paar Mal auch nicht aufgefallen, so fasziniert war ich von der Üppigkeit und Kreativität. Und manches fällt mir sogar erst beim Betrachten der Fotos auf. Dieser Garten ist so reichhaltig, dass man jedes Mal wieder etwas Neues entdeckt.

      Wenn Du das nächste Mal in der Nähe bist, dann gib Bescheid. Bei Beetwunderung gibt es ganz sicher einen Kaffee.

      Liebe Grüße,

      Sven.

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